Das EKG der EGK sagt: --I---I---I------I-------I---- *pieeeeep*
Über die Elektronische Gesundheitskarte (EGK - formal korrekt sogar eGK) wurde schon viel geschrieben. Und so wirklich sachdienlich neue Informationen habe ich auch nicht zu bieten. Aber bevor diese Seite hier endgültig auf dem Blog-Friedhof landet, wollte ich schon noch ein paar Artikel abliefern. Schon der Tradition wegen.Im Jahr 2003 wurde beschlossen, die bis dahin geltende Versichertenkarte der Krankenkassen durch eine neue Gesundheitskarte zu ersetzen. Als ob der Begriff nicht schon Euphemismus genug gewesen wäre, startete das Projekt mit viel zu überzogenen Anforderungen.
Eigentlich gibt es im deutschen Gesundheitssystem nur ein einziges Problem. Das Problem ist die praktisch unkontrollierte Selbstbedienung aller beteiligten. Eine Pharma-Industrie, die Preise alleinig festlegt, Ärzteverbände, die immer wieder neue Honorarerhöhungen verlangen, und Patienten, die ohne Not zum Arzt laufen. Zahlen muss das ganze der anonyme Beitragszahler (und mittlerweile auch der ebenso anonyme Steuerzahler). Mangels wirklich nachvollziehbarer Transferkreise, versickern Milliarden über Milliarden im System.
Das war und ist den Politikern natürlich ebenfalls bewusst. Also fühlte man sich freudig angetan von der Idee, mit Hilfe einer kleinen Plastikkarte endlich dem Ganzen einen Riegel vorzuschieben. Bei der Gelegenheit sollte auch gleich noch ein bisschen Bürokratie mit abgebaut werden und ein paar Fantastillionen (oder gar Fantastilliarden) an Geld gespart werden.
Aber wie es bei solchen IT-Großprojekten fast immer ist, wenn Lobby und Politik aufeinander treffen, ging so einiges ordentlich daneben. Vergessen im ganzen Wunschtraum hat man wie so oft diejenigen, die das umsetzen sollten. Ich kann mir gut vorstellen, wie eine Horde zusammengekaufter Consultanten und ein um den Faktor 10 größeres Heer an Praktikanten versucht haben, alle Wünsche irgendwie zu bedienen. Halbes Wissen traf auf halbe Fähigkeiten und am Ende blieb das große Nichts.
Natürlich haben schon frühzeitig verschiedene richtige Experten gewarnt, dass der Ansatz dilletantisch ist. Ich erinnere mich an einen grandiosen Vortrag von Thomas Maus zum CCC Congress 2005. Dort hat er die so genannte IT-Sicherheit Stück für Stück zerlegt und die auf dem Papier ach so sicheren Kryptografieverfahren in ein Häufchen Bittmüll zerlegt.
Garniert wird die Erinnerung an diesen Vortrag durch einen Vorfall im Sommer 2009. Da begab es sich, dass die primäre Kryptobox sich einen Angriff ausgesetzt wähnte und vernichtete ihre privaten Schlüssel. So soll sie das tun. Das ist vollkommen richtig. Was nicht sein sollte - und da spielen wieder die Consultanten eine Rolle - dass es nur eine einzige dieser Boxen gibt. Der geheime Schlüssel ist somit verloren und die Signierung weiterer Karten nicht mehr möglich. Durch die gewählte Systemstruktur soll es sogar notwendig sein, alle bisher ausgegebenen Karten zu ersetzen.
Auch Ärzte und Zahnärzte wollen nicht so richtig mitspielen. Logisch. Ihre Aufgabe ist es Kranke zu heilen und nicht IT-Großversuche zu bezahlen. Zum einen wird von ihnen abverlangt, entsprechend teure Spezialhardware für ihre Praxen anzuschaffen. Dazu muss natürlich auch das jeweilige Verwaltungsprogramm angepasst werden. Und einen Internetanschluss für die Datenübertragung wird ebenfalls noch verlangt. Alles in allem Kosten in Höhe von mehreren Tausend Euro pro Praxis. Da stellen sich die Ärtze natürlich quer. Auch eine Folge des permanenten "das Gesundheitssystem muss kostenbewusster werden"-Schwadronierens.
Bei den Krankenkassen schwankt man wohl irgendwo zwischen Jubel und Gezeter. Zum einen sieht man die Kosten und den Zank mit den Ärtzen und Patienten. Zum anderen hat man aber sicher auch die Datenberge im Hinterkopf, die man für die eine oder andere Optimierung im System schürfen kann.
Unbehagen bereitet den Krankenkassen dann auch Microsoft neustes Angebot, doch auf seinen Servern eine elektronische Gesundheitsakte zu führen.
Auch die neue Regierung wird an der eGK festhalten. Zu dick sind da die Kontake in der Wirtschaft, um so ein Projekt scheitern zu lassen.
Lediglich an Funktionalität wird noch weiter gespart. Bis auf eine zentrale Stammdatenverwaltung und ein Photo auf der Karte ist alles andere vergessen. Die Kosten bleiben wahrscheinlich und so wird aus den Abermillionen an Einsparungen wohl nur eine ziemlich teurer Rechnung für eine Funktion, die man auch weitaus preiswerter hätte haben können: Die Pflicht, sich zur herkömmlichen Krankenkarte einfach mit einem Ausweisdokument zu identifizieren, um den Missbrauch zu verringern. Das zugehörige Gesetz wäre wohl auf eine A4-Seite gegangen und die Umsetzung hätte keine 10 Tage gebraucht. KISS-Prinzip in Reinstform.
So ganz verabschiedet hat sich die Industrie wohl noch nicht ganz vom Projekt:
"Der Durchbruch für die Gesundheitskarte wird kommen, wenn Anwendungen wie der eKiosk für die Versicherten da sind. Der unabhängige Patient wird Wirklichkeit, wenn Menschen ohne Computerkenntnisse erfahren können, dass sie Herr ihrer Daten sind." (Roland Heise, Leiter der Online-Anbindung der eGK bei der Projektgesellschaft Gematik)
Nunja. Ich würde mir eher wünschen, dass Menschen *mit* Computerkenntnissen diese Gewissheit bekämen. Aber das ist wohl doch nur Wunschtraum.
Und auch wenn die USB-Lösung schon längst verworfen wurde, so wird auch diese mal wieder diskutiert. Typisch für tote Pferde.
Für mich in Sachsen ein ganz schwacher Trost: Das Schicksal wollte es, dass hier die eGK als aller letztes eingeführt werden soll. Ich hoffe, dass das so bleiben wird. So entkommen wir dem Unsinn hoffentlich noch weitere 5 bis 10 Jahre.
Kein Kommentar